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Tanja Neve-Seyfarth

 

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Alina Schürfeld

Schuhe für Meinungsmacherinnen.

Nachhaltige Schuhe sind nach wie vor rar, die Sachverhalte komplex. Nur wenige wagen sich an das Thema heran. Eine davon ist die Hamburger Designerin Alina Schürfeld: 2009 brachte sie ihre erste eigene Schuhkollektion auf den Markt, die nicht nur ökologisch produziert, sondern auch äußerst attraktiv ist. Alina Schürfeld im Interview mit GET CHANGED!

Interview: Tanja Neve-Seyfarth

 

Was sind für Dich die wichtigsten Kriterien für einen nachhaltig produzierten Schuh?

Langlebigkeit durch qualitativ hochwertige Verarbeitung, Verwendung bester Materialien, die umweltschonend hergestellt werden und Ästhetik: denn niemand wird einen Schuh nur deshalb kaufen, weil er fair produziert wurde.

 

Was war der Auslöser dafür, auf eine ökologische und sozial gerechte Produktion zu achten?

Ich war schon immer mode-affin und habe vor der Gründung meines Labels viel zum Thema Nachhaltigkeit in der Mode gelesen. Umweltfreundlich produzierte Schuhe, die zudem noch attraktiv sind, waren 2009 selbst im Premiumsegment  wenig verbreitet. Ich hatte eine Marktlücke im Bereich der Schuhe entdeckt. Nachhaltigkeit in Kombination mit Ästhetik ist für mich sehr wichtig. Ich halte eine faire Produktion für erwähnenswert, setze den grünen Trend aber nicht ausschließlich als Marketingstrategie ein.

 

Marken senden Botschaften aus. Was möchtest Du mit ALINASCHUERFELD kommunizieren?

Betrachtet man Schuhe als einen Teil der Mode, können sie ein effektvolles Kommunikationsmittel sein; eine Art Informationsträger, ein Sprachrohr. Sie können offenbaren, sensibilisieren, inspirieren. Sie können zeigen, dass wir Verantwortung übernehmen müssen für uns und unsere Umwelt, dass wir Werte bewahren und respektvoll handeln müssen. Gerne würde ich auch einmal einen veganen Schuh herstellen. Das tun wir aber erst, sobald wir auch hier ein langlebiges und qualitativ hochstehendes Produkt gewährleisten können.

 

Auf Deiner Webseite ist die Rede von „salonesquen“ KundInnen. 

Meine Zielgruppe sind Frauen, meist eigenständige Geschäftsfrauen, die sehr modern und sehr präsent auf mich wirken. Ich würde sie als „opinion leaders“ bezeichnen, also als Meinungsmacherinnen. Dennoch sind alle sehr unterschiedlich, und das gefällt mir. Mir gefallen die 20er Jahre mit ihren „garconettes“. Die neuen Frauen, die z.B. in einem Anzug erstmals in der Öffentlichkeit rauchten und schockierten – und auf diese Art für eine Veränderung des Rollenbilds der Frau sorgten. Mit meinen Schuhen möchte ich auf der einen Seite den damaligen Zeitgeist vermitteln – ich passe ihn jedoch dem heutigen an. So verkörpert mein Produkt immer eine gewisse moderne Zeitlosigkeit.

 

In welcher Preisklasse rangieren Deine Modelle?

Die Schuhe und Stiefel kosten zwischen 350 Euro und 810 Euro. Wir stellen außerdem Ledertaschen, -koffer und seit Neuestem eine Clutch her, die in einer deutschen Manufaktur gefertigt werden. Für das Innenfutter wird nur GOTS-zertifizierte Baumwolle verwandt.

 

Du hast Interior Design studiert und früher auch Yachten eingerichtet. Gab es einen ausschlaggebenden Moment, in dem Dir klar wurde: Jetzt mache ich mein eigenes Label, designe eine Schuh-Kollektion und eröffne meinen eigenen Laden? Wenn ja, was war der Auslöser?

Nein, ich hatte keinen Aha-Moment, es war vielmehr ein langsamer Prozess.  Vor allen Dingen wollte ich ein Produkt schaffen, das kommuniziert. Dazu muss ich sagen, dass mein Laden für mich erst den Anfang darstellt. Einen Laden zu eröffnen, ist aufregend, aber meine Priorität wird weiterhin sein, mein Label in die Welt hinauszutragen.

 

Das Konsumverhalten der Kunden verändert sich angeblich. Kannst Du diesen Wandel in der Gesellschaft sehen?

Ich sehe ganz klar einen Wandel, nämlich den, wesentlich umweltbewusster einzukaufen. Auch in meinem Freundeskreis bemerke ich eine veränderte Haltung nachhaltig hergestellten Produkten gegenüber. Es wird mehr Geld für weniger, aber hochwertigere Stücke ausgegeben. Denn wenn man genau darüber nachdenkt, kann es auch gar nicht sein, dass ein Schuh, in dem so viele Produktionsschritte stecken und an dem so viele Menschen gearbeitet haben nur 20 Euro kostet. Da muss man sich bewusst machen, dass an einer oder mehreren Stellen der Produktionskette etwas gehörig schief läuft. Meinem Empfinden nach bildet sich gerade eine Art Community von modebewussten Personen, die verstärkt auf die Herkunft der gekauften Stücke achtet. Als die ideale Einkaufsmöglichkeit würde ich einen großen Store vergleichbar mit dem Alsterhaus in Hamburg sehen: Es würde alle Alltags-Produkte anbieten – und die oder der Konsumierende wüsste, dass alle hier erwerbbaren Artikel umweltfreundlich und sozial produziert wurden. Wichtig wäre, dass man solche Produkte gut zugänglich macht. Das ist leider zur Zeit noch nicht ausreichend gegeben.

 

Diese Zugänglichkeit versucht GET CHANGED! gerade mit seiner Business- und Consumer Plattform herzustellen.

Das ist toll!

 

Wie siehst Du den Konsumwandel auf die Schuhbranche bezogen? Denn viele argumentieren ja immer noch mit der Notwendigkeit einer Chromproduktion, da pflanzlich gegerbtes Leder fleckig würde, lichtempfindlich sei oder nicht gut gegen Nässe schütze.

Einige pflanzlich gegerbten Leder sind tatsächlich lichtempfindlich –auf der anderen Seite lässt doch auch niemand seinen Schuh 5 Wochen am Stück in der Sonne stehen. Ich finde übrigens auch, dass Leder leben und wachsen muss, Leder ist ein Naturprodukt und hat seine Merkmale, da ist es doch nicht so schlimm, wenn sich der Farbton nach einiger Zeit etwas heller zeigt oder sich eine Patina bildet. Lachsleder ist übrigens in keinster Weise lichtempfindlich.

 

ALINASCHUERFELD soll weltweit bekannt werden. Ist eine soziale und ökologische Produktion denn in grösseren Mengen in derselben Qualität noch machbar?

Ja, auf jeden Fall. Die gleiche Qualität zu bieten, steht bei mir an erster Stelle. Wir werden nur in dem Masse wachsen können, wie wir eine gleichbleibend hohe Qualität sicherstellen.

 

Man könnte ja auch sagen – sofern das Geschäft gut läuft: „Ich expandiere nicht!“ Dann habe ich meine überschaubare kleine Kollektion, die auch eine gewisse Exklusivität garantiert, habe meinen eigenen schönen Laden und habe auch weiterhin alles unter Kontrolle. Am Beispiel der Balzac-Coffee Shops hat man gesehen, das Expansion auch negative Effekte haben kann, wenn die Mitarbeiter in den Filialen nicht mit dem gleichen Herzblut bei der Sache sind.

Ich möchte mein Label wirklich nach außen tragen! Jedoch stehen wir nach wie vor am Anfang unserer Distributionsaktivitäten. Auch die Bereitschaft des Handels sich auf ein hochpreisiges exklusives und noch recht junges Luxus-Produkt einzulassen ist nicht ohne weiteres gegeben. Schlussendlich entscheidet der Kunde über den Erfolg meines Labels. ALINASCHUERFELD ist hauptsächlich über den Flagshipstore in Hamburg erhältlich und demnächst auch über unsere neue Webseite, die mit neuen features ausgestattet sein wird.

 

Was passiert mit all den Schuhen, die nicht verkauft werden?

Wie Großproduzenten verfahren, ist mir nicht bekannt. Für mich gilt, dass ich nie auch nur ein Paar meiner produzierten Schuhe wegwerfen würde. Ich schaue, dass ich wirklich alle verkaufe oder sie anders verwende. Teilweise bekomme ich auch Anfragen von Veranstaltern für Modenschauen oder von Hochschulen, die meine Schuhe einsetzen möchten.

Vielen Dank, Alina Schürfeld! 

Produktionsinfos: Übersicht

Herkunft Leder Lachsleder: Nanai (D), von biozertifizierten Lachsfarmen aus Irland. Rindsleder: Rooters (D) (Kooperationspartner von ecopell); zunehmend von deutschen Biobauern, sowie aus Italien
Gerbung Lachsleder: Deutschland, nach einem eigens patentierten Verfahren. Rindsleder: Italien und Deutschland, Gerbung mehrheitlich pflanzlich, u.a. mit Extrakten der Rhabarberwurzel; bei einigen hellen Farben für das Nappaleder synthetische Gerbung; alle italienischen Gerbereien verfügen über Zertifikate, z.B. beim Futterleder “Pelle conchiata al vegetale in Toscana”. Für Lachs- und Rindsleder von Rooters gewährleisten die Hersteller eine chromfreie Gerbung, insgesamt wird ca. 90% des Leders pflanzlich gegerbt.
Färbung Pflanzlich und synthetisch; Beschichtetes Lachsleder: umweltschonende Beschichtung mit Perlmutteffekt, keine Metallic-Beschichtungen
Schuhproduktion Italien, bei Mailand. “Wenn ALINASCHÜRFELD irgendwann von der Stückzahl aufstocken muss, würden wir weitere Produktionsstätten hinzunehmen. Die sozial faire und ressourcenschonende Produktion wird jedoch immer die Voraussetzung für eine Zusammenarbeit mit einer Manufaktur sein.“
Weitere Materialien Innensohlen, Futterleder: Italien, in Zukunft evtl. von Rooters. Garne: synthetisch, da Baumwollgarne nicht strapazierfähig genug sind. Kleber: Wasserlöslicher Kleber an Stellen, die in Berührung mit der Haut kommen; ansonsten herkömmlicher Kleber. Metall: Minimale Metallverwendung, Verzicht auf Ösen (Absätze werden mit Nägeln befestigt); Reißverschlussbänder aus Baumwolle und Nylon.

 

Das Copyright auf diesen Text liegt bei Schuhkonsultation Tanja Neve-Seyfarth, CH-Zürich, 11. August 2013